Ich besitze nichts und bin unendlich reich

Früher habe ich geglaubt, ich besitze ein Pferd. Früher. Früher, das ist mein Leben vor dem 9. August 2017. Der Tag, an dem ich morgens mit gepackten Satteltaschen zum Stall komme, um mit Luzi zu starten. Drei Monate durch deutsche Mittelgebirge. Immer in Richtung Westen, durch meine in ihre Heimat Holland. zu unserem Ursprung.

Am Nachmittag liege ich weinend neben Luzi auf einer grünen Wiese. Die Vögel zwitschern, nebenan wiehrt ein Pferd. Mein Kopf liegt auf Luzis Kopf. Ich streichele fassungslos ihren toten Körper.

Ich besitze sie nicht.

Nichts besitze ich.

Das wird mir an dem Nachmittag in der Tierklinik bewusst. Meine weise Meisterin hat mein Leben eine Zeit lang begleitet und mich reich beschenkt. Wie lange, entscheide nicht ich. Ich entscheide, was ich davon in einem Herzen bei mir trage. Über ihren Tod hinaus lerne ich von ihr und tauche ein Stück tiefer ins Leben.

Ich verbringe Tag und Nacht im Wald. Und finde ein Geschenk, das meine Leben verändert: Ich bin Teil dessen, was mich umgibt. Ich bin Teil des Waldes und nie wieder allein. Ich bin am Ursprung angekommen.

Hat Luzi mir diesen Weg frei gemacht – meinen Weg? Die folgenden Monate begegnen mir erstaunliche Menschen und Begebenheiten. Schritt für Schritt, ohne Eile, folge ich diesem Weg. Und es fühlt sich alles so stimmig an. Ich habe keine Angst. Ich werde immer freier. Ist es so, dass unsere vierbeinigen Freunde unseren Ballast mitnehmen, wenn sie gehen? Gehen Sie deshalb?

Die Flugtickets sind gekauft.

Buenos Aires, Bariloche. Dann noch 1000 Kilometer mit dem Bus. Die vier warten auf mich – irgendwo: Roland, Söchcken, Jefe und Trueno. Ich besitze nichts. Außer meiner Sehnsucht und meiner Liebe.

Nein, auch Söckchen, „mein“ Söckchen, besitze ich nicht.

Luziengel

 

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