Ein Dach, ein Feuer und ein großes Herz


Normalerweise erfreut ein kühler Wind die Siedler im Tal des Rio Pichuleo um diese Zeit. Es ist Sommer und auch auf 1800 Metern über dem Meeresspiegel heiß. Normalerweise. Doch diese Sommer ist anders. Den vierten Tag schon finden wir in Ramons Puesto Schutz vor strömendem Regen und eisigem Wind. Der tobt so stark, dass der Regen nicht von oben nach unten sondern von West nach Ost „fällt“.

Im heißen, trockenen Sommer 2015 mussten wir unsere Pferdereise in diese Region abbrechen. Es fehlte an Futter und Wasser nicht nur für unsere Pferde.

Im Dezember 2018 wagen wir uns wieder nach Nordpatagonien. Die Wetterprognose sieht günstig aus. Und außerdem haben wir uns passendes Wetter gewünscht. Ein feuchtes Jahr, dass ausreichend Futter wächst, war Rolands Wunsch. Und ich wollte es nicht zu heiß haben. Nun suchen wir Schutz vor unseren erfüllten Wünschen: feuchtes und kaltes Wetter. Nur für ganz dringende Angelegenheiten verlasse ich die Hütte mit Blechdach, das eine Fläche von drei mal drei Metern trocken hält. Die Wände bestehen aus jeweils drei Baumstämmen und einem Geflecht von trockenen Zweigen der Nire, einem niedrigen Strauch mit Laubblättern. Die Hütte ist erstaunlich dicht. Regen und Kälte bleiben draußen. Auf der Wetterseite schützt eine Baumreihe und eine von außen angehängte Plane das Innere vor dem Wetter. Fenster gibt es nicht. Dafür ausreichend Ritzen, durch die ich den Regen beobachten kann. In der Mitte der Unterkunft lodert ein wärmendes Feuer auf der Erde. Ramon, den seine Freunde und nach zwei Tagen auch wir Monche nennen, gibt Acht, dass es nicht ausgeht. Jeden Abend legt er einen dicken Scheit auf, um mit der Glut am Morgen als erstes ein wärmendes Feuer anzuzünden. Für den Mate. Das Teekraut wird aus einem kleinen Kürbis mit einem Trinkröhrchen, der Bombilla, getrunken. Matetrinken wird, sobald man nicht allein ist, zum Ritual. Sobald ich morgens das Knistern des wärmenden Feuers höre, pellte ich mich aus dem Schlafsack.

Wann hört der Regen auf?

Monche hat schon heißes Wasser bereitet. Er reicht mir den Mate und genießt die Gesellschaft. Dann reitet er los, um nach den Ziegen zu schauen. Bei dem Wetter! Bei jedem Wetter.

Der Rauch zieht durch die Türöffnung nach draußen. Die Behaglichkeit bei dem peitschenden Regen und den Sturmböen hat meine anfängliche Skepsis wegen der Brandgefahr der “Wände“ schnell vergessen lassen.

Ramon lebt von Januar bis April auf 1700 Metern. Allein ist er nicht. Vier Hunde, 13 Pferde und 400 Ziegen sind mit ihm auf die Sommerweide, die veranada, in den Bergen gezogen. In der Hütte fehlt nichts Wesentliches.Um die Feuerstelle laden vier kniehohe Holzstämme zum Sitzen ein. Schaffelle machen die Hocker warm und weich. In zwei Ecken hängen an den Dachbalken Kisten mit Küchenutensilien: zwei Tassen, drei Teller, Besteck, Zucker, Salz, Nudeln, einer Schüssel für die Zubereitung des Hefeteigs. Viel mehr nicht. Töpfe hängen an einem anderen Balken. Einer ist mit Grasa – Schaf- und Ziegenfett gefüllt. Zweimal in der Woche wird der Topf übers Feuer gehängt. Handtellergroße, einen halben Zentimeter dicke Stücke aus Hefeteig werden im siedenden Fett gebacken: torta frita. Neben Fleisch, das immer frisch verfügbar ist, gehören diese leckeren Teigwaren zur Grundversorgung der Gauchos. Die Sommermonate auf den Puestos müssen die Bewohner ohne Frischkost auskommen. Ich denke über den Luxus zu Hause in Deutschland nach. Ständig steht eine Fülle von Obst und Gemüse aus aller Welt zur Verfügung. Ist das nötig?

Utensilien des Gauchos
torta frita – ein Hauptnahnungsmittel auf dem Puesto

Für die Sommersaison ist der Gaucho auf sein Pferd und Maultier angewiesen. Oft trägt ein Muli die gesamte Ausstattung des Gauchos vom Tal auf die Sommerweiden. Von der Matratze bis zu den Lebensmitteln. Nachschub gibt es meist nicht, weil die nächsten Versorgungsmöglichkeiten zwei oder drei Tagesreisen mit dem Pferd entfernt liegen. Dafür gibt es reichlich Fleisch. Vegetarismus kann sich der Gaucho nicht leisten. Ich kenne die Versorgungssituation der Gauchos.Und umso mehr staune ich, als uns Monche vier orange leuchtende Aprikosen anbietet. Was für eine köstliche Überraschung. Ein wenig scheue ich mich, ihm diese Rarität wegzuessen. Seine leuchtenden Augen und das Kopfnicken überzeugen mich schnell. Unsere Vorräte sind geschrumpft. Vier zusätzliche Tage in den Bergen, die uns das Wetter aufzwingt, sind in der Proviantplanung nicht vorgesehen. Für 14 Tage autarke Versorgung reichen die Kapazitäten unserer Packtaschen. Dann ist ein tienda, ein kleiner Laden zum Auftanken nötig. Dafür steigen wir mehrere Tage ins Tal ab, um das nächste Pueblo, ein Dorf, zu erreichen. Sind die Gelegenheiten zu weit entfernt, kaufen wir bei den Gauchos Fleisch, Mehl und Öl ein. Manchmal können Puestos mit dem Auto erreicht werden. Ein besonderes Glück für uns. Wir fahren mit zum Einkauf oder schreiben eine Liste und genießen den „Lieferservice“. Dabei kommt es manchmal zu Überraschungen. Auf Grund des begrenzten Stauraums in meinen Packtaschen, schreibe ich auf meinem Wunschzettel zwei Orangen und drei Äpfel. Wir lachten noch lange, als unsere Gastgeber mir eine Tüte mit fünf Kilogramm Obst übergaben und meinen erschrockenen Blick aufklärten. Die nächsten Tage machte ich mir über die Vitaminversorgung keine Gedanken. Das ist sonst schon ein Thema. Wir bringen uns konzentrierte Vitaminpräparate aus Deutschland mit, um sechs Monate ohne Mangel zu überstehen. Die Gesundheit, besonders die Zahngesundheit, ist für viele Gauchos ein großes Thema.

Die Regentage beim Matetrinken am Feuer, ermöglichen uns einen intensiveren Austausch mit Monche. Von dem Gaucho erfahre ich, welche Pflanzen einen guten Tee für die Stärkung der Nieren oder des Magens ergeben. Und von welchem Gras die Pferde krank werden. Wieder einmal bedauere ich meine mangelhaften Sprachkenntnisse. Monche ist ein wandelndes Lexikon. Nachdenklich wird er, als er von seinen Bruder erzählt. Bis vor vier Jahren war er es, der die Sommermonate in diesem Puesto verbrachte. Eines Tages bekam er nicht zu stoppendes Nasenbluten und geschwollene Füße.

Sein Pferd trug den Gaucho über den nächsten Pass in ein Tal, dass mit Autos befahren werden kann. Sechs Stunden ritt der geschwächte Mann seiner Rettung entgegen. So schnell als möglich wurde er in nächste Krankenhaus in die Provinzhaupt Neuquen gefahren. Als Ursache wurde ein Virus ermittelt, dass die Nieren schädigte. Offenbar aus dem Wasser des kleinen Bächleins, dass getrunken wird. Deswegen holt Monche das Trinkwasser mit einer Leitung von ganz oben, wo es noch nicht durch den Kot der Tiere verschmutzt wird. Sind wir manchmal zu leichtsinnig, überlege ich kurz. Das Flächschen mit dem Entkeimungsmittel nutzen wir kaum… Monche erzählt weiter: In dieser Woche, nach vier Jahren Dialyse, konnte dem Bruder eine Niere transplantiert werden. Kostenlos. So wie die ganze Gesundheitsversorgung in Argentinien. Auch für Ausländer. „Bisher sieht alles gut aus“ erfährt Ramon über das Radio. Ein regionaler Sender erreicht über UKW alle Puestos. Das ist die einzige Kontaktmöglichkeit zu den Familien, die die Gauchos während der 3-4 Monate auf den Puestos haben. Die „Mesaches para pobladores“ – die Nachrichten für die Siedler – wird zweimal täglich gesendet und aufmerksam von den Gauchos verfolgt. Sie richten ihren Tagesablauf so ein, dass sie die Nachrichten hören können. Die Antennen sind oft abenteuerliche Gebilde aus Draht, die an einem langen Stock über dem Puesto hängen. Ein dünner Draht schafft die Verbindung zum Empfänger, einem einfachen Radio. Mir wird die Bedeutung dieses technischen Gerätes, das viel mehr als nur Unterhaltung bietet, bewusst. Der regionale Wetterbericht ist auch für unsere Weiterreise von Bedeutung.

Am Morgen des Abschieds sind unsere Pferde verschwunden. Wir hatten die drei in Ramons Herde frei laufen lassen. Mehrfach täglich kamen sie zum Grasen mit den 15 anderen am Puesto vorbei. Das beruhigt uns. Inan, Rolands neues Reitpferd, genoss die große Herde. Denn in einer solchen war er aufgewachsen. Jefe, der Chef unserer kleinen Herde, versuchte wie immer, seine Herde zu vergrößern und umgarnte einige von Ramons Pferden. In den kalten stürmischen Nächten folgten sie Ramons Pferden an geschützte Plätze und grasten am nächsten Vormittag wieder am Puesto. Alles schien in Ordnung. Und nun? Waren unsere drei von chilenischen Viehdieben, von denen uns immer wieder berichtet wird, geraubt? Hat ein anderer Gauchos Gefallen an unseren besonders zahmen Pferden gefunden? Ein Nachbar, ein Besucher vom Vorabend berichtet, dass er am nächsten Morgen eine Herde „mas arriba“, weiter hoch, treiben wird. Auch er lobte unsere Pferde. Er wird doch nicht….?

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Ramon zurück. Vor seinem Pferd traben unsere drei. Gott sei Dank. Nun fehlt Roland. Seit einer Stunde verfolgt er zu Fuß mögliche Spuren. „Wir informieren ihn, dass sie wieder da sind“, meint Ramon. Klar. Ein Anruf und er weiß Bescheid. Doch hier gibt es kein Handysignal. Ratlos schaue ich Ramon an. Rufen oder pfeifen hat bei dem Wind keinen Sinn. Ramon zündet einen der trockenen Grasbüschel an. Mit dem Stiefel drückt der das Kraut in die Flamme. Dicker weißer Qualm steigt nach oben. „Machen wir immer so,“ grinst er.

Beim Abschied von dem warmherzigen Gaucho, der seine kleine Hütte vier Tage mit uns teilte, habe ich Tränen in den Augen. Es war eine besonders intensive Begegnung. Ein Dach, ein Feuer und ein großes Herz können so dankbar machen.

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