Die Magie des Weges und andere Wunder


Los Miches, Provinz Neuquen, Argentina

Inzwischen sind auch wir im Sommer angekommen. 35 Grad Celcius in einer Höhe von fast 2000 Meter über dem Meeresspiegel. „hace calor“ schwitzen auch die Einheimischen. Mit verschiedenen Methoden schützen sie sich vor den Temperaturen. Pablo, ein Gaucho beispielsweise zieht den ganzen Tag die dicke Jacke und darunter den Rollkragenpullover nicht aus. Andere halten Siesta und ziehen sich von 13 bis 17 Uhr in den Schatten zurück und trinken Mate. Wir sind von zehn bis achtzehn Uhr in der baumlosen Gegend unterwegs. Abkühlung verschaffe ich mir in den eiskalten, klaren Arroyos, den Bergbächen. Es kostet eine kurze Überwindung, das nasse T-Shirt überzuziehen. Doch die angenehme Verdunstungskälte hält eine ganze Weile an.

Mate hilft für und gegen alles
Im Tal des Lileo

Wir steigen aus den Bergen ab, um Proviant für uns nachzukaufen.Auf dem Weg ins nächstgelegene Dorf übernachten wir im Tal des Arroyo Lileo am Puesto von Mariano. Die ganze Familie lebt am Puesto. Das ist ungewöhnlich. Meist leben die Gauchos „solo“. Auch außergewöhnlich ist das Melken der Kühe und Käseherstellung.Am Abend werden zehn Kühe mit ihrem Nachwuchs in den Korral getrieben. Die Kühe schlendern kurz darauf zum Fressen ins Campo. Die Kälbchen bleiben in einem kleinen Separee eingesperrt. Am kommenden Morgen warten die Kühe laut Muhend mit dickem Euter. Mariano öffnet das Tor und die kleine Herde drängt in das Rondell. Eine Kuh wird mit dem Lasso eingefangen und angebunden. Das dazugehörige Kälbchen wird befreit. Hungrig eilt es an die Mutterzitzen, um die Milch zu saugen. Die Freude ist von kurzer Dauer. Ist der Milchfluss angeregt drücken Mariano und Ramona die vier Zitzen nacheinander mit geübten Handgriffen aus. Ein starker Strahl spritzt in eine Blechdose. Rasch füllt sich der am Rand stehende Eimer mit Milch. Es sieht einfach aus, die Milch dem Euter zu entziehen. Ich hocke mich neben eine besonders brave Kuh und beginne die erste Zitze zu bearbeiten. Ziehen, zudrücken, ausdrücken. Und tatsächlich: Ein dünner Strahl spritzt in das Gefäß. Echte Knochenarbeit. Ich schaffe nicht, die Dose zu füllen. Meine Hand schmerzt. Die beiden lachen. Ihre zerfurchten Hände sind geübt und haben starke Muskeln. Drei Eimer Milch werden nacheinander ins Haus getragen. Dort bereitet Ramona den Käse. Alt wird er nicht. Die Menschen aus dem Pueblo kommen und kaufen ihn, bevor er reifen kann. Käse ist hier eine echte Rarität.

Der Strahl spritzt in die Blechdose
Für einen Käse reicht es nicht, was ich dem Euter entlocke
Ramonas leckerer Käse

Wir erreichen Los Miches, den kleinen Ort am Arroyo Lileo. Unser Zelt dürfen wir auf dem kargen Campo einer netten Familie aufstellen. Dort finden auch unsere Pferde ein wenig Gras. Kraftfutter können wir kaufen. Direkt gegenüber unserer neuen Bleibe ist ein kleiner Tienda, ein Dorfladen. Statt eines Parkplatzes gibt es eine zehn Meter lange Anbindestange für Pferde, staune ich. Unweit des Dorfes lebt eine Gemeinschaft der Mapuche, einer der indigenen Stämme Südamerikas. Ich fühle mich wie in ein anderes Zeitalter versetzt: Indianer, die zum Tienda reiten, um Lebensnotwendiges einzukaufen. Ganze Familien sitzen auf einem Pferd. Papa mit Baby auf dem Arm im Sattel, Mutter mit den Einkaufstaschen hinter dem Sattel. Im Nu ist die lange Anbindestange besetzt. Ein offenbar hochrangiger, schon älterer Indianer, dessen sehr junge, hochschwangere Begleiterin auf einem eigenen Pferd reitet, präsentiert mir stolz seinen Einkauf. Eine Parilla, ein großer Metallgrill, wird auf dem Pmirferdehals nach Hause jongliert. Er möchte unbedingt fotografiert werden. Was ich sehr gern erfülle. Dann möchte er das Foto gern mitnehmen. Hm, das wird nichts, denn in Los Miches finden wir keinen Drucker.

Am Morgen reiten die Arbeiter im „Blaumann“ ins Dorf. Junge Männer mit Handy in der Hand und Lautsprecher im Ohr reiten vorbei, eine Gruppe gackernder Teenager ebenso. Ganz normaler Alltag in Los Miches. Ich lasse das bunte Treiben an mir vorüber ziehen, wie einen Film aus einer vergangenen Zeit. Tranquilidad – Ruhe wird hier groß geschrieben. Hektik existiert praktisch nicht. Alles hat Zeit, alle haben Zeit. Was heute nicht wird, wird morgen. Vielleicht. Ich habe mich an diese Mentalität gewöhnt. Habe sie sogar lieb gewonnen. Und teilweise übernommen. Es nutzt die nichts auf und nieder zu springen, wenn etwas nicht klappt. Tief durchatmen. Neuen Anlauf nehmen. Tranquilo….

Wir verlassen Los Miches

Mit gefüllten Packtaschen kehren der Zivilisation den Rücken. Unsere Herzen schlagen für die Berge. Trotz Rolands monatelanger Planung der Route sind wir auf Informationen der Gauchos, die in den Bergen leben, und etwas Glück angewiesen. Uns begleitet die „Magie des Weges“, wie Günter Wamser es beschreibt. Immer wenn es nötig ist, taucht ein Gaucho auf. Oder ein anderes Ereignis lenkt unseren Weg. Ich fühle mich dabei gut begleitet und aufgehoben auf dem Weg. Dabei wächst das Vertrauen ins Unterwegssein, ins Leben und in mich selbst und mein Pferd.

Gibt es einen Weg?
Wir schließen und der ungewögnlichen Reisegruppe an
Laguna Las Pajaritos
Inan hat den Fernblick
Am Hito

Wir suchen einen abenteuerlichen Weg zur Laguna Varvarco Campo. Doch keiner kann uns sagen, ob die von Roland zu Hause am Satellitenfoto geplante Route wirklich reitbar ist. Etwas enttäuscht treffen wir die Entscheidung, einen bekannten, unspektakulären dafür sicheren Weg zu wählen. Da taucht plötzlich ein Gaucho auf. Eine seltsame Erscheinung. Er balanciert einen drei Meter langen Baumstamm auf seinem Pferd und führt ein Packpferd mit schwerer Ladung. Mit ihm reiten eine Mutter und ihr Sohn, die einige Tage auf seinem Puesto dem Alltag entfliehen wollen. Nach einem kurzen Gespräch gehören auch wir zu seinem Gefolge. Er kennt „unseren“ Weg. Nach vier Stunden flottem Aufstieg und einer Pause an der Laguna Pajarito erreichen wir ein Puesto. Hier lebt Luis. Ein zurückhaltender Gaucho mit Vollbart, was hier sehr selten ist. Jose, der uns aufgesammelt hat, spricht kurz mit Luis. Nach wenigen Minuten ist klar, dass wir bei Luis übernachten und er uns am kommenden Tag den Weg zur Laguna Vaca Laucen führen wird. Es ist ein langer Weg. Luis ist ihn vor vielen Jahren geritten. An einigen Stellen muss er suchen und sich erinnern. Auch für ist es ein ungewöhnlicher Tag. Sein Sohn, der die Ferien am Puesto verbringt, begleitet uns. Ein Vater-Sohn-Ausflug. Wie wir genießen beide die traumhaften Ausblicke nach Chile, in die endlose Weite der Cordillere im Reich des Andencondors. So fühlt sich Freiheit an.

Werbeanzeigen