Das langsame Ankommen in der Wildnis

Am zeitigen Nachmittag steht die Sonne hoch über dem Puesto von Ruben und Claudia im Valle des Arroyo Deshecho. Der böige Wind aus den Bergen bläst auf 2000 Metern über dem Meeresspiegel endgültig die unerträgliche Hitze der Ebene aus meinem Sinn. Am Vortag sind wir 500 Kilometer durch die glühende, ausgedörrte Ebene gefahren, um unsere Pferde möglichst rasch durch das fast futter- und wasserlose Gebiet zu transportieren.

Endlich. Wir sind wieder unterwegs.

Im letzten Jahr haben diese lebensfeindlichen Bedingungen meinem Pferd Söckchen fast das Leben gekostet. Eine Nacht lang dauerte der Kampf gegen die Koliken an. Das Leben hat gewonnen!

Doch noch einmal wollen wir das Schicksal nicht herausfordern und organisieren einen Transport. Völlig unargentinisch klappte alles auf Anhieb. Horacio, ein Polo begeisterter Schmied, der mit Frau und Tochter Urlaub in San Luis macht, war sofort bereit, einen Hänger zu leihen, um uns in die Berge zu fahren und so seine Urlaubskasse etwas aufzubessern.

So wurden Roland, ich und unsere drei Pferde Teil eines Familienausflugs. Die sechsjährige Tochter hatte riesigen Spaß meine Spanischkenntnisse abzufragen. Geduldig und ohne den Sprachfluss zu unterbrechen übt sie mit mir. Ich lerne Farbnuancen kennen ebenso wie grammatische Konstruktionen, die ich im nächsten Moment schon wieder vergessen habe. Irgendwann übermannt sie die Müdigkeit. Und ich erhole meinen qualmenden Kopf.

„Ich will gar nicht wissen, wie hoch wir sind“ meint Horacio, der vorsichtig das Gespann mit unseren drei Pferden durch die Serpentinen lenkt. Wir nähern uns unserem Ziel: Puesto de los Animas. Nach acht Stunden Fahrt sind auch die Pferde froh, endlich wieder festen Boden unter den
Hufen zu haben.

An Rubens Puesto de los Animas startet unser Ritt

Wir werden herzlich begrüßt. Küsschen auf die Wange – das ist bei den herzlichen Argentiniern üblich und Mate, dem herben Teegetränk, das aus einem kleinen Kürbis mit einem Metallröhrchen gezogen wird.

Wir sind angekommen. Berge umgeben uns.

Gleich am ersten Morgen bekomme ich eine Lektion erteilt. Ich will aus dem Zelt in meine neuen Wanderstiefel steigen, doch finde nur noch den linken. Ein Mitglied der achtköpfigen Hundemeute hat den Partner fortgeschleppt. Ich suche im Umfeld. Erst jetzt bemerke ich, dass auf dem Zaun etliche Schuhe stecken. Paare und einige Einzelstücke. Oh,oh, so eine Panne. Hier draußen wird Unachtsamkeit sofort bestraft. Der Gaucho, dem ich mein Problem schildere, meint unbeeindruckt:“ Den finden wir, warte.“ Er kannte das Versteck. Was für ein Glück!

Wie Zwiebelschalen fällt in den nächsten Tagen die Zivilisation von mir ab. Anfangs schrubbe ich einige Ölspritzter aus der Pfanne, die auf meiner Hose landen noch heraus. Doch nach einer Woche treten alle Äußerlichkeiten in den Hintergrund. Eitelkeiten taugen hier draußen nichts. Deswegen habe ich auch keinen Spiegel eingepackt.

Es bleibt übrig, was auch die Pferde wahrnehmen: Der Wesenskern.

Auf einer beeindruckenden Route erreichen wir das Valle Hermoso. An der Laguna, „unserem“ alten Lagerplatz vom Vorjahr kampieren wir. Gaucho Luis, ein Freund, der im Sommer hier lebt, hält auf der Suche nach seinen 500 Ziegen kurz an. Wir umarmen uns herzlich und tauschen Neuigkeiten aus. Am Abend, wenn er seine Ziegen, die Lebensgrundlage seiner Familie ausfindig gemacht und auf die richtige Talseite getrieben hat, kommt er wieder. Zum Mate trinken und erzählen.

„Unser“ Platz im Valle Hermoso

Im letzten Jahr waren wir im Herbst hier unterwegs. Außerhalb der Saison. Jetzt ist in Argentinien Hochsommer und Urlaubszeit. Und jetzt begreife ich, warum alle dieses Tal als „muy turistico“ bezeichnen. Uns begegnen mehrere cabalgatas, geführte Reittouren. Meine Augen werden immer größer als ich 50 und mehr Reiter zähle! Gigantisch. Ich bin sehr froh, dass wir nur mit drei Pferden unterwegs sind und bald in den einsamen Süden ziehen.

Argentinier lieben Cabalgatas – „Es una fiesta.“

Ich verstehe sehr gut, dass diese so abwechslungsreiche Landschaft, die oft nur mit Pferden erreichbar ist, so viele Menschen begeistert. Die Berge, die Steilheit der Wände, die Stille, der Ausblick, die Dynamik des Unterwegsseins, die Anstrengungen und das einfache Leben reißen aus dem gewohnten Alltag heraus. Es entsteht ein Raum außerhalb der Komfortzone, in welchem die Seele einen Entwicklungssprung machen kann.

Unser Freund Luis sucht seine Ziegen

Am Abend begrüßen wir Luis an unserem Lager. Unweit meckern 500 Ziegen. Luis strahlt und reicht mir eine rot-schwarze Platiktüte: „Un regalo.“ Ein Geschenk. Ich packe aus und kann es kaum fassen. Seine vom Ruß geschwärzte, für diese Region typische, schmale, konische Kanne zum Wasser kochen am Feuer. Ein Schmied hat sie für Gauchos diese Gegend mit viel Wind und wenig Holz entwickelt. Ich war im letzten Jahr so begeistert von dieser genialen Erfindung, hatte aber keine Gelegenheit, eine zu erwerben. Nun ist sie zu mir gekommen.

Ich liebe dies Kanne. Und Luis. Und das einfache Leben.

Das Unterwegssein hat mich das Vertrauen ins Leben gelehrt. Es kommt, was du brauchst zu rechten Zeit. Benzin für unseren kleinen Kocher zum Beispiel. Unsere Flasche ist leer und außer trockenen Kuhfladen gibt es kein Heizmaterial. Und plötzlich stehen wir vor dem futuristischen Lager von Viktor, einem Klimaforscher. Hier bekommen wir einfach alles. Benzin, gutes Essen, Trockenfleisch für die Reise und sogar Internet und Solarstrom

Das Camp ist direkt unterhalb des Vulkans Peteroa, der uns im letzten Jahr mit seinem Ascheregen einige Tage beunruhigt hat. Viktor und sein Team erforschen den Gletscher. Er ist der tiefstgelegene in den Anden und verliert jährlich 30-40 cm Höhe.

Bevor wir weiterziehen, genießen wir Viktors Gastfreundschaft einen weiteren Tag.

Beim Klimaforscher Viktor am Vulkan Peteroa

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