Wenn das Ende fehlt und Pläne sich in Luft auflösen

Müssen „Dinge“ ein Ende haben?

Das „Ding“, das mir im Moment den Kopf zerbricht ist mein Bilder-Vortrag über unsere Pferde-Reisen durch Argentinien. Nun eigentlich macht mir nur das Ende Sorgen. Es gibt kein Ende. Es gibt kein Ende, so wie ich es mir vorgestellt habe.

Nach der fünften Reise wollte ich Ende April nach Hause kommen und die Erlebnisse der letzten vier Monate am Ende des bestehenden Vortrages einreihen. Alles kam anders, ungeplant, unvorhergesehen und schmerzlich.

Das Virus war ein Umstand, der alles änderte, doch noch mehr Unerwartetes bringt mich in Wanken.

Also gut, wir mussten den Ritt abbrechen, fanden Unterschlupf bei einer wundervollen Familie  und es war nicht einfach nach Hause zu kommen. Es war aufregend, nervenzehrend aber nicht wirklich dramatisch.

Doch Anfang April sitze ich in Deutschland in meinem Garten in Quarantäne und bekomme eine kurze Nachricht: Inan ist tot.

Inan, der Jüngste und Neue in unserer kleinen Herde. Heute weiß ich, dass Inan beschlossen hat zu gehen. Und zwar schon lange vor unserer Abreise. Diese Geschichte möchte ich erzählen. Nicht jetzt, jetzt geht es noch nicht. Die Wunde ist zu frisch. Inan, der mir so viel über Vertrauen und Zeit gelehrt hat.

Inan hat ein riesiges Loch in unserer Mensch-Pferde-Herde hinterlassen. Nichts wird mehr sein wie vorher. Anders als die Pferde haben wir Menschen Mühe „zurück zum Grasen“ zu gehen. Schmerz, Sprachlosigkeit und alte Wunden haben den gemeinsamen Weg verändert.

Wie soll ich dieses Ende in meinem Vortrag verarbeiten? Der Vortrag soll Mut machen, aufzubrechen. Träume zu leben, nichts hinauszuschieben. Ich kann doch unmöglich mit dem Tod enden und mit Tränen.

Ich habe noch 6 Tage Zeit. Das ist nicht viel. Das ist nicht wenig. Ich werde mich jeden Tag ein Stück weiter hinauswagen in das Feld der Verletzlichkeit. Jeden Tag fühlen, was geht, was ich hinaustragen kann und was ich bei mir lassen muss. Noch. Was noch nicht reif ist gesagt zu werden. Laut gesagt zu werden.

Ich hätte die Vorträge absagen können. Aber es sind schon so viele Veranstaltungen ausgefallen, des Virus wegen. Ich möchte, dass es weiter geht, dass wir uns treffen können und Veranstaltungen sein dürfen. Ich möchte nicht absagen.

Sechs Tage habe ich. Ein Ende werde ich nicht finden. Aber einen Abschluss, einen guten Abschluss darf die Geschichte, meine und unsere, bekommen.

Eine Antwort zu “Wenn das Ende fehlt und Pläne sich in Luft auflösen

  1. Liebe Solveig,
    ich kann dich sehr gut verstehen.
    Wenn jemand aus unserem Leben geht (dabei ist es egal auf welche Weise) fühlen wir die Lücke als übergroße Leere, es gibt einen Stich ins Herz und der Schmerz scheint unüberwindbar. Das ist unsere Sicht und unser Gefühl und unsere Wut und Ohnmacht darüber. Das darf auch da sein und das dürfen wir fühlen.
    Für mich ist es eine große Hilfe, zu akzeptieren, dass die Seele beschlossen hat, ihrem eigenen Weg zu folgen. Das muss ich annehmen, damit muss ich leben lernen.
    Mascha Kaleko hat einmal gesagt: Den eigenen Tod , den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben…
    Im Rückblick erscheint dann der gemeinsame Weg viel intensiver. Solange alles gleich bleibt, ist man sich dessen oft nicht so tief bewusst.
    Für mich heißt das, jeden Tag intensiv zu leben, zu fühlen, dankbar zu sein für alles was da ist und sich bewusst machen, dass es schnell anders sein kann. Jedes Verlassenwerden gibt wieder diesen Impuls, alles was ist wertzuschätzen.
    Ich wünsche dir, dass du dieses tiefe Gefühl der Trauer, Schwere und Ohnmacht in ein Gefühl der Dankbarkeit und bedingungslose Liebe transformieren kannst.
    Fühle dich umarmt.
    Herzlichst Evelyn Lüpfert

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