Noch 24 mal schlafen – dann fliege ich zu Söckchen

Ich zähle die Tage. Und obwohl ich hier in der Kälte sitze, weil die defekte Heizanlage aus- und eine neue eingebaut wird, ist mir heiß.

Ich habe den ganzen Tag am Küchentisch verbracht und gearbeitet. Nein, kein Gemüse geschnipselt sondern in den Laptopbildschirm gestarrt. Dabei wandert mein rechter Zeigefinger über das Touchpad und schiebt Satteliten- und Landkarten hin und her. Meine Augen scannen das Relief und der Zoomfaktor beamt mich in jedes Tal. Mitten hinein in die Anden. Ganz nah ran, bis ich Spuren und die Tracks der Gauchos erkenne. Rechte Maustaste, Cursor speichern, ein Wegpunkt entsteht.

Wie mühsam das ist!

Erst jetzt kann ich den Aufwand meines bisherigen (Reise)Partners Roland wirklich nachempfinden. Streckenplanung und Navigation hat sich der erfahrenen Abenteurer nicht aus der Hand nehmen lassen und uns sicher durch Wälder, Berge und Wüsten gelotst.

Nun ist das meine Aufgabe.

Weil ich meine nächste, die sechste Reise durch die Anden, allein plane.

Das schleudert mich mächtig aus meiner Komfortzone.

Die Planung selbst in die Hand zu nehmen ist sehr viel anspruchsvoller, als gemütlich einer vorgegeben Route zu folgen. Verantwortung kommt hinzu.

Meine Komfortzone grinst:

„Du kannst ewig auf ausgelatschten Pfaden wandeln. Das ist wie Chips auf dem Sofa knabbern. Entwicklung findet woanders statt.“

Ich weiß. Und nun stehe ich vor einem Nadelöhr. Mut allein reicht nicht.

Reiseplanung ist ein klassischer Fall von Norden in Medinzinrad: harte Fakten sind gefragt. Ich weiß. Und nun stehe ich vor einem Nadelöhr. Mut allein reicht nicht.

Koordinaten fliegen mir um die Ohren, Wegpunkte und Tracks.

Seit Wochen quäle ich mich mit der Navigation herum. Es wollte einfach nicht gelingen, das Programm zu beherrschen. Es beherrschte mich und alles was ich gelang, schien Zufall zu sein.

Die Wegpunkte sprangen und machten was sie wollten. Der gefundene Track ist plötzlich wieder verschwunden. Speichern vergessen… es ist zum Verzweifeln. Ich fing von vorn an.

„Tja, da hast du dir eben zu viel vorgenommen. Bleib mal schön zuhause“, jubelt meine Komfortzone

Aber ich hab´s doch schon mal gekonnt“, verteidige ich meinen Plan. „Vor vier Jahren, als ich die Reise mit Luzi nach Holland geplant habe. Alles war prima, Wegpunkte, Tracks, das Programm und Navi waren mir wohl gesonnen. Alles lief…“

Meine Gedanken tauchen tief in die Landschaft ein. Hügel, Berge, Pässe, Täler, Lagunas, winzige Puestos sind zu erkennen. Und da: die kleine Hütte meines Lieblingsgauchos Moncho!

Ein Ziel meiner Reise – das Puesto von Ramon auf 1500 Meter

Er hat uns aufgenommen, als garstige, eisige Regentage das Weiterreiten erschwerte. Er hat uns ein Dach über den Kopf gegeben und ich wärmte mich am Feuer in der Mitte der kleinen Hütte aus Baumstämmen und Wänden aus Ästen und Laub.

Mein Herz beginnt zu hüpfen – das ist meine Ziel. Ich will nicht aufgeben.

Warum wehrt sich bloß das blöde Programm? Warum will mir nicht gelingen, was ich vor vier Jahren gut hinbekommen habe?

Du bist blockiert, Solveig. Was ist damals passiert?„, bringt mich Mentorin Ulrike auf eine Spur.

Meine Brust wird schwer, die Atmung stockt und wird oberflächlich, Tränen rinnen. Der Schmerz hat mich im Griff.

Damals hatte ich den Ritt geplant – drei Monate mit Luzi nach Holland. Als ich am 9. August mit gepackten Satteltaschen auf der Koppel stand, um mit ihr loszuziehen, starb sie.

Ich kann nicht mehr atmen – alles zieht sich zusammen. Eine Last liegt auf mir und macht mich unfähig, zu handeln. Die Last hat einen Namen: Schuld. Ich habe mich schuldig gemacht. Luzi ist tot.

„Kennst du das Gefühl? Wie alt ist es?“

Ich könnte jetzt aussteigen aus dem schmerzhaften Prozess. Doch ich bleibe, stelle mich der Angst und tauche weiter ein in das Meer meiner Tränen. Ich werde klein, kleiner, ein kleines Mädchen. Da ist es wieder das Gefühl der Schuld und überwältigt das Kind.

Schuld ist ein Versuch des Verstandes das Unfassbare fassbar zu machen und in greifbare Dimensionen zu packen.

Seelenwege sind nicht immer greifbar, verstehbar – und für unseren Verstand schon gar nicht.

„Nicht schuldig“, spricht das Herz. „Nicht schuldig“, fügt die Liebe hinzu. „Nicht schuldig“ Ein Mantel aus Licht hüllt mich ein.

Mein Verstand wolle mich schützen vor den Gefühlen, die mich überwältigt haben.

Er blockiert, was mich in ähnliche Situationen bringen kann.

Mein Verstand blockiert das Programmieren einer neuen Reitstrecke. Er hat alle Informationen gelöscht. Ich fange bei O an und erarbeite mir mit dem Handbuch die ersten Schritte.

Denn ich weiß, Vermeiden heilt nicht.

Das weiß ich, seit ich die Heldenreise kenne. Und weil ich sie kenne und lebe, darf immer mehr heilen.

Ich bin eingetaucht und kann sehen, was hinter der Blockade und meiner Angst liegt. Jetzt kann ich meinen Verstand an die Hand nehmen und mir selbst vergeben.

Ich sitze wieder am Rechner und widme mich der Planung meiner Reise jenseits der Komfortzone.

„Sie ist raus“, sagt die Komfortzone traurig und knabbert die Chips allein.

Ich werde wachsen und heilen. Weil Wachsen auch Heilen ist. Immer.

Ich plane und bereite meine Reise vor…

Dabei gönne ich mir doch ein wenig Komfort.

Die Wärme vom Küchenofen, in dem zwei Holzscheite knacken und mich an das Lagerfeuer in den Anden erinnern. Vorfreude.

Und plötzlich greift mir das Leben unter die Arme: Unterstützer melden sich.

Danke Roland für dein Kurzeinweisung ins Programm und die Beantwortung meiner Fragen und danke Sabine für den magischen Support.

Ein Weg entsteht

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