Ankommen und Aufbruchsstimmung

Seit einer Woche bin ich in Argentinien. Das Leben tickt hier anders. Nicht unbedingt in den Städten, dort dröhnt die Zivilisation wie in Europa auch. Auf der Busfahrt von Neuquen, der Provinzhauptstadt nach Loncopue, ein 5000-Seelen-pueblo am Fuß der Anden, spürte ich das erste Mal dieses andere Ticken. Andere Werte sind hier wichtig. Ein vielleicht zweijähriger Junge kommentierte während der vielen Stunden Busfahrt ununterbrochen die Wassersituation: „Agua, mucho agua, agua no hay, seco“. Der junge Papa erklärte geduldig, wie die Flüsse und ausgetrocknete Lagunen genannt werden.

Mich beeindruckte diese Wahrnehmung unglaublich. Ein kleines Kind kennt schon die Bedeutung des Lebenselexiers Wassers. Offenbar kommt es nicht selbstverständlich aus der Leitung.

Den Grund für diese Sensibilität erfuhr ich wenige Tage später. Der Winter in den Bergen war sehr schneearm. Kein Schnee, kein Wasser. So einfach und direkt funktioniert hier die Welt.

Ein wenig bange wird mir bei der Vorstellung schon. Wenig Wasser heißt auch wenig Gras – wenig Futter für die Pferde.

Da ich den Umstand weder beeinflussen noch verändern kann, nehme ich in hin wie er sich präsentiert.

Zuvor gibt es andere Herausforderungen. Eine Hitzewelle hat Argentinien im Griff. Temperaturen jenseits der 35 Grad machen auch den Einheimischen zu schaffen. Mein System glüht. Ich trinke und trinke. Wasser und Mate. Ab und zu schwenke ich mein T-Shirt im Arrojo und streife es klatschnass über. Herrlich. So lässt es sich sogar in der Sonne aushalten. Obwohl das freiwillig keiner macht. Die heißeste Zeit wird ja eh mit Nichtstun ausgefüllt. Siesta. So kommt man am besten durch den Tag. Ich tue es den Einheimischen gleich. Die Temperatur verlangsamt mein System erheblich. Ankommen am anderen Ende der Welt, in einer anderen Welt.

Ich bin so dankbar, dass meine Gastgeber mich und 40 Kilogramm Gepäck vom Busterminal abholen. Wir fahren zur Estancia und ich darf mein Lager in einem großen Zelt unter den Pappeln aufschlagen . Es ist so, wie wir im April 20 den Platz und die Pferde verlassen haben. Ein seltsames Gefühl überfällt mich. Jetzt bin ich allein hier. Ich ahne, dass mein Hiersein auch ein weiteres Stück Vergangenheitsbewältigung werden wird. Erinnerungen verstecken sich an jeder Ecke und fragen nach Beachtung. Im JETZT bleiben. Ja, das ist eine gute Übung für mich.

Und Söckchen? Wie wird er die Trennung von Jefe verkraftet haben? Die beiden Pferde haben seit 2014 so viele Abenteuer in den Bergen gemeinsam erlebt und waren nie getrennt. Ich merke, dass mich diese Vorstellung schmerzt und hüpfe wieder ins Jetzt.

Söckchen ist noch nicht hier am Haus. Er weidet weiter entfernt auf dem Campo.

Ich packe aus, richte mich ein und sortiere 40 Kilogramm in Kategorien:

  • Weidezaun
  • Sättel und Gepäck
  • Zelt und Schlafen
  • Küche
  • Reparatursets
  • Technik und Navigation

Die Reihenfolge ist eine gewisse Wertigkeit. Letztes ist superwichtig, aber unbeliebt bei mir. Fast ein wenig gruselig. Und doch gelingt es mir immer wieder, auch die Technik in den Griff zu bekommen, obwohl ich es manches Mal einfach nicht nachvollziehen kann, was passiert ist und warum es funktioniert oder auch nicht. Ich bastle intuitiv rum, bis es geht. Leider ist diese Art des Vorgehens in den seltensten Fällen reproduzierbar. Wahrscheinlich weiblich und einer außerirdischen Logik oder keiner folgend.

Söckchen kommt

Gerade will ich ins Pueblo, um Lebensmittel für die Reise zu kaufen, biegt ein Gaucho mit einem weiteren Pferd im Schlepptau um die Ecke: Söckchen.

Mein Herz klopft. Erkennt er mich?

Anfangs fremdelt Söckchen etwas, doch nach einem Tag kommt er, wenn ich rufe.

Ich begrüße Jose und Söckchen, der mich verwundert anschaut. Willig folgt mir in den Korral. Der Abend gehört uns beiden, um uns anzunähern.

„Wo ist Jefe?“ Seine erste Frage beantworte ich ihm ausführlich und erkläre unsere neue Familiensituation.

Damit widmet er sich erst einmal seiner neuen Freundin. Joses Stute ist rossig. Ich bleibe bei den beiden auf der Koppel und freue mich über Söckchen offenbar neu entdeckte hengstige Seite.

Das ist der Grund, warum viele Gauchos und auch Wanderreiter Wallache bevorzugen – die weibliche NatURkraft bleibt außen vor.

Wir brauchen ein Packpferd

Ich wurde schon vorgewarnt:

„Es gibt ganz schwer Pferde hier zu kaufen.“

Roland begann seine Reise 6 Wochen vor mir und hat die Gegend nach Pferden abgegrast. Seine Erlebnisse kannst du auf seiner Weitreiter-Seite verfolgen.

Alle Pferde, die gerade nicht gebraucht werden, sind auf den Sommerweiden in den Bergen. Alle anderen sind nicht verkäuflich, weil die Gauchos sie für ihre Arbeit brauchen.

Mein Gastgeber Gabriel fragt, was ich für ein Pferd suche und ob ich denn auch eine Stute nehmen würde. Die seien einfacher zu bekommen.

Ich suche nicht unbedingt ein Reitpferd, deswegen könnte es ein kleines Pferd sein.Ich suche kein junges Pferd, deswegen darf es eins mit Erfahrung sein. Es darf auch ein Mädchen .

Wünsche loslassen und vertrauen geben dem Leben selbst die Möglichkeit aktiv zu werden. Es kommen Möglichkeiten, die ein aktives, zielgerichtetes Tun womöglich verhindern hätten oder ausschließen würden.

Solveig Schmidt

Loslassen und Vertrauen

Wenn sich ein Weg geführt anfühlt, ist es einfach zu vertrauen. Das eigene Tun scheint vom Bauch und dem Herzen gesteuert. Der Kopf kommt da nur bedingt mit. Puzzleteile fügen sich. Bedeutsames und scheinbar unbedeutende Ereignisse Reihen sich aneinander und wie von Zauberhand entsteht ein Ergebnis. Ein Wunsch erfüllt sich oder ein Traum findet die Eintrittspforte ins Leben.

Ich habe meine Wünsche ausgesprochen und losgelassen.

Dann kümmere ich mich um Dinge, die ich im Pueblo noch beschaffen oder vorbereiten muss.

Ohne Eile

Mein Loslassen wird recht schnell vom Leben – in Person meines Gastgebers Gabriel – aufgegriffen. Ein Pferd wird verkauft: CANELA.

Doch auch diese Stute steht in den Bergen auf der Sommerweide.

Wie ich zu einem Packpferd komme…

Das Leben beginnt außerhalb deiner Komfortzone.

N. D. Walsh


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