Herzheimat und Lösungen kommen, wenn man sie lässt

Je näher der Micro, der Autobus mich in Richtung Loncopue bringt, desto breiter wird mein Grinsen im Gesicht, desto freier und weiter wird mein Herz. Ich kann es nicht erklären,was mit mir passiert in dieser Region. Ich habe das Gefühl, ich bin eine Gringa, deren Herz hier geboren sein muss. Vielleicht war ich in einem anderen Leben hier zu Hause. Mein Herz ist es definitiv.

Willkommen – herzliche Umarmungen. Ich bin hier keine Fremde mehr.

Einen Tag Geduld muss ich noch aufbringen, bis bis ich meinen alten Mann, Don Socke und die kluge Canela begrüßen kann. Ein Tag, was ist das schon. Manana – wird es so weit sein. Alles hat hier Zeit. Keine Eile.

Am nächsten Vormittag kommt Jose mit den beiden über die Koppel geschlendert. Don Socke weiß sofort, was los ist. Auch als Jose das Halfter löst, bleibt er bei mir stehen und genießt meine Streicheleinheiten, dort wo er es am liebsten hat.

Canela begrüßt mich kurz, wälzt sich im trockenen Boden und geht schauen, was es sonst noch gibt. So kenne ich sie: hinter der braven Fassade steckt die Abenteuerin, die immer Neues entdecken will. Wir passen gut zusammen.

Seit einer Woche bin ich unterwegs. Echt? Erst eine Woche?

Und schon hat mich das Pure dieser Lansdschaft völlig aufgesogen. Ich spüre, wie ich mehr und mehr Teil der Landschaft werde. Es fällt ab, was dem Wahrhaftigen nicht Stand hält. Es wird unwichtig, wer ich bin. Mein Herz ist hier so weit und frei und weich. Das Herz zählt hier, nicht der Verstand. Die Kommunikation mit dem, was mich umgibt, findet auf einer anderen als der metalen Ebene statt.

Der Winter in den Bergern war schneereich. Die Mallines, die fruchtbaren Hochebenen sind prall mit Wasser vollgesogen. Gut, denn Wasser ist die Grundlage des Lebens, des Futters hier oben.

Ich steige in ein Tal ab, weil ich eine Familie im Puesto besuchen will. Noch in Deutschland erreichte mich ihre Einladung: Wir warten auf dich im Puesto. Nach dem Abstieg verliere ich den Pfad. Ein riesiges Tal liegt vor mir. Die unterschiedlichen Grün- und Braunschattierungen verraten einiges über den Untergrund und die Begehbarkeit der Fläche mit Pferden. Ich taste mich voran. Schon bald stehe ich auf einer schwingenden, grünen Matte.

Ich kenne nur zu gut die Geschichten von eingebrochenen Pferden und habe im letzten Jahr gesehen, wie sich ein Rind aus dem Pantano, dem Sumpf gekämpft hat. Das will ich auf gar keinen Fall riskieren. Ich taster weiter und enschließe mich, zu einer Querung, da ich umweit auf der anderen Seite feste braune Erde sehe. Es sind vielleicht 8 Meter, die wir schaffen müssen. Also los! Ich gehe voran und meine beiden folgen. Auch Don Socke, der ja eher übervorsichtig mit nassen Flächen ist.

Als ich dieses typisch schmatzende Geräusch höre und Canela springen sehe, rufe ich nur noch:“ Raus, raus, raus“ und hüpfe weiter.“ Geschafft. Wir alle haben ene fette braune Schlammpackung, alles ist voller Schlammspritzer. Puh, das ist nochmal gut gegangen. Nochmal nicht, nochmal will ich das Glück nicht herausfordern.

Mein Herz pocht aufgeregt.

Ich sitze auf, um einen besseren Überblick zu bekommen. Es scheint, als seinen wir auf einer Insel mitten im Morast gelandet. Wo ist ein Weg zum Puesto. Atmen, meldet sich mein System. Ah ja, wie gut.Ich atme, trinke ein paar schlucke Wasser und stelle fest, dass wir an einem schlimmeren Platz hätten landen können. Es gab gut Futter für mindestens eine Nacht.

Ich befreie die beiden von der Gepäcklast und stelle mich auf einen großen Felsbrocken. So als eine Art Leuchttum wird mir etwas einfallen, hoffe ich. Drei Alternativen liefert mein Verstand.

Zuerst unteruche ich den Rückweg. Also wenn gar nichts geht, dann müssen wir nochmal dadurch. Mit dem GPS orte ich den Übergang und markiere den Einstieg.

„Warte, bis ein Gaucho kommt. Irgendwann wird einer kommen.“ Das war nun nicht der heroischste Vorschlag, aber auch irgendwie eine Alternative. Warten.

Die dritte Variante sah vor, einen neuen Weg durch die Büsche zu schlagen. Dort hatte ich eine Stelle gefunden, die von Rindern genutzt wird. Um allerdings mit unseren Packtaschen durchzupassen, war einiges an Arbeit nötig, um die Sträucher zu kürzen. Mir fehlte eine Machete dazu.

Socke und Canela hatte sich sattgefressen und ruhten. Ich war mit mir zufrieden, hatte ich doch einige Alternativen gefunden und war zeimlich entspannt, denn uns konnte nichts passieren. So lief ich ein Stück Richtung Talmitte.

Ich konnte es nicht fassen: da war ein nicht zu übersehender Pfad: trocken, fest, passierbar.

Woher kam der? Warum hatte ich ihn nicht gesehen?

Ich musste lachen. Es gibt immer eine Lösung.

Doch erleichtert reite ich weiter. Und da ist auch schon der Gaucho. Drei , drei Menschen sehe ich am nächsten Zaun, der die Rinderherden voneinander trennt. An den Konturen erkenne ich, wer es ist. Dann bin ich nahe, steige ab und Augustina rennt auf mich zu: „Tia, tia!“ Sie hat mich fest umarmt. Im letzten Jahr hat die Vierjährige mich zu ihrer Tante erkoren. Ich liebe dieses kleine, wilde Mädchen. Immer, wenn ich Frauen in Deutshcland sehe, die ihre Wildheit gegen Komfort und Gewohnheit getauscht haben und darunter leiden, sehe ich ich Augustinas Authentizität vor mir und hoffe, dass sie erhalten bleibt.

Ich sehe in ihr ein Stück meiner eigenen Wildheit, die ich freiwillig geopfert und mühevoll zurückerobert habe. Das Natürliche macht es uns leicht, in uns das Wesentliche, unser Wesen, unsere Wildnatur zu sehen und zu leben.

Auf dem Weg zum Puesto treffe ich Diego, Alejandro und seinen Sohn. Sie treiben Rinder und sind beschäftigt. Zeit für ein kurzes Hallo und mir den Weg durch ein weniger sumpfiges Stück Tal zu zeigen, bliebt. Dann treffen wir uns am Abend am Puesto. Mein Zelt muss ich nicht aufschlagen. Ich schlafe mit im Puesto und erforsche in der Nacht, wer in welcher Tonlage schnarcht.

Der nächste Tag ist für mich mit Nichtstun ausgefüllt. Ich beobachte das Leben der Familie. Neu ist, dass Kühe gemolken werden und Käse bereitet wird. Stolz präsentiert mir Jaqueline ihren Käse, den sie im Pueblo verkauft.

Wir tauschen alte Kamellen aus, über die immer wieder gelacht wird. Mein schlechtes Spanisch und die Missverständnisse, die sich daraus ergeben, sind immer wieder Anlass zur Feude und werden aufgewärmt, sobald mein Name fällt.

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